Was bedeutet „Islam“?

Prof. Dr. Christine Schirrmacher

Der Begriff „Islam“ bedeutet „Hingabe“ oder „Unterwerfung“ unter Gott und seinen Willen, wie er ihn nach muslimischer Auffassung im Koran niedergelegt hat.

Ein Muslim hat sich Gott „unterworfen“, soll sich ihm dankbar erweisen und den im Islam verpflichtenden und im Koran und der islamischen Überlieferung festgehaltenen Geboten Folge leisten.

Der Koran wurde nach muslimischer Auffassung von Gott herabgesandt und dem Propheten Muhammad durch den Engel Gabriel übermittelt. Der Koran ist eine getreue Abschrift der himmlischen Uroffenbarung (der „Mutter der Schrift“) und hat als solche göttliche Autorität.

Muhammad gilt als der bedeutendste und letzte Prophet der Geschichte (das „Siegel der Propheten“, Sure 33,40), dessen Vorgänger Adam, Noah, Abraham, Jakob, Mose, Josef, Hiob, Saul, David, Salomo, Zacharias, Johannes den Täufer und der das Kommen Muhammads ankündigende Jesus Christus waren. All diese Propheten waren nach muslimischer Auffassung Verkünder des Islam, die immer wieder dieselbe Botschaft verkündigten. Nach ihrer Predigt wichen die Menschen jedoch bald wieder von der Lehre des Islam ab, verfälschten die Offenbarung bzw. die auf sie herabgesandte Schrift, schlugen die Ermahnungen der Propheten in den Wind und wandten sich erneut dem Götzendienst zu. Dann sandte Gott wiederum einen Propheten, der erneut den “reinen„ Islam verkündigte und die Menschen zur Unterwerfung unter den einzigen, allmächtigen Gott zurückrief. Auch die Christen haben nach Auffassung des Korans die ursprünglich an sie ergangene Botschaft verfälscht, indem sie Jesus zu Gott (oder einem Gottessohn) und Maria zur „Mutter Gottes“ erklärt haben, denn so faßt der Koran den christlichen Glauben an die Trinität auf.

Muhammad, der Verkünder des Islam

Muhammad (sein Name bedeutet „der Gepriesene“) wird als Prophet und Gesandter Gottes betrachtet, aber nur als ein sterblicher Mensch, der keine übernatürlichen Fähigkeiten besaß. Erst nach Muhammads Tod entwickelten muslimische Theologen die Lehrmeinung, daß Muhammad und alle anderen Propheten der Geschichte als sündlos zu betrachten seien, obwohl der Koran selbst von etlichen Propheten (darunter auch Muhammad) berichtet, daß sie Gott um Vergebung für Sünde bzw. für Irrtümer und Fehler baten (7,23; 11,47; 14,41; 28,16; 38,24; 110,3; 48,2; 9,43; 94,2). Eine Ausnahme stellt nur Jesus Christus dar, von dem im Koran keine Sünde berichtet wird. Dieses Dogma der “Sündlosigkeit der Propheten„ entstand vermutlich im Laufe des 10. Jahrhunderts und ist heute Allgemeingut islamischer Theologie.
Über das Leben Muhammads sind leider nur wenige historisch verläßliche Fakten bekannt. Er wurde um das Jahr 570 n. Chr. in Mekka auf der Arabischen Halbinsel geboren und gehörte zum Stamm der Quraish und zum Geschlecht der Banu Hashim. Muhammad wurde früh Vollwaise und wuchs zunächst bei seinem Großvater ‘Abd al-Muttalib auf, kam aber nach dessen Tod schon wenige Jahre später zu seinem Onkel Abu Talib.

Unter den Beduinenstämmen Arabiens war im 6. Jahrhundert n. Chr. der Glaube an eine große Zahl von Gottheiten, Geistern und Dämonen verbreitet. Steine, Bäume und Wasserquellen galten als Sitz der Götter, die durch Opfer (z. B. Tieropfer) gnädig gestimmt werden mußten. Geister und Dämonen wurden von Sehern beschworen und fügten den Menschen Schaden zu oder bewirkten Gutes. Zumindest bei einigen arabischen Stämmen wurde darüber hinaus ein höchster Gott, ein Schöpfergott, verehrt, ‘der Gott’ (arab. al-ilah oder al-lah = der Gott, die Gottheit).

Etwa im Alter von 25 Jahren heiratete Muhammad die Kaufmannswitwe Hadija bint Huwaylid, die erheblich älter gewesen sein soll als Muhammad. Hadija wird als Muhammads erste Anhängerin betrachtet, denn sie war es, die ihn darin bestärkte, daß die starken Empfindungen und Eindrücke, die ihn etwa im Jahr 610 n. Chr. im Alter von etwa 40 Jahren in einer Höhle bei der Meditation überkommen haben sollen, nicht etwa ein Zeichen von Besessenheit waren, wie Muhammad zunächst selbst angenommen haben soll, sondern Botschaften von Gott, die Muhammad seinen Landsleuten als Mahnung zur Umkehr und als Warnung vor dem Jüngsten Gericht verkünden sollte. Später – so die Berichte des Korans und der Überlieferung – erhielt Muhammad die Gewißheit, es sei der Engel Gabriel gewesen, der zu ihm gesprochen und ihn aufgefordert habe, als Warner und als Prophet Gottes seinem Volk die Offenbarung Gottes „vorzutragen“ bzw. sie zu „rezitieren“ (arab. qara’a, daher Qur‘an = Koran). Muhammads früheste Botschaften konzentrierten sich vor allem auf die Verkündigung des einzigen, allmächtigen Gottes, des Schöpfers des Himmels, der Erde, der Tiere und Menschen und auf die Mahnung, sich diesem Gott zu unterwerfen, damit nicht das Gericht schnell und unerwartet hereinbräche.

Als Muhammad sich mit dieser Botschaft ab etwa 610 n. Chr. in seiner Heimatstadt Mekka an seine Landsleute wandte, gewann er in den ersten 12 Jahren (bis 622 n. Chr.) nur wenige Anhänger und erfuhr vor allem Spott, die Ablehnung seiner Sendung, Verfolgung und offene Feindschaft. Die Lage wurde schließlich für ihn so bedrohlich, daß er im Herbst 622 mit seiner kleinen Anhängerschar in die Nachbarstadt Yathrib (später umbenannt in „Medina“) fliehen mußte. Dieses Ereignis wird als die hijra bezeichnet, die “Auswanderung” und markiert mit dem Jahr 0 den Beginn der muslimischen Zeitrechnung.

In Medina, einer Gemeinschaft, in der nicht nur die Mitglieder mehrerer arabischer Stämme, sondern auch Christen und drei große jüdische Stämme ansässig waren, konnte sich Muhammad unter veränderten machtpolitischen Voraussetzungen als militärischer wie religiöser Führer seiner rasch wachsenden Gemeinde mehr und mehr durchsetzen. Er führte seine Anhänger in mehrere Schlachten – vor allem gegen die drei jüdischen Stämme innerhalb Medinas sowie gegen die Anhänger mehrerer arabischer Stämme innerhalb und außerhalb Medinas – aus denen er und die Gemeinschaft der Muslime mehrheitlich als Sieger hervorgingen.

Bis zum Ende seines Lebens konnte Muhammad sich nicht nur als Herrscher von Medina und wichtigster Machtfaktor des gesamten Umlandes durchsetzen, sondern auch erreichen, daß er kurz vor seinem Tod in seine Heimatstadt Mekka zurückkehren und dort die Pilgerfahrt zu der schon in vorislamischer Zeit verehrten „Ka’ba“ durchführen konnte, womit er dort ebenfalls als religiöser und politischer Führer Anerkennung erfuhr. Bis zu seinem Tod im Jahr 632 n. Chr. empfing Muhammad fortwährend Offenbarungen zu ganz unterschiedlichen Themen (Rechtsfragen, Offenbarungen über Gott und sein Handeln, die Rolle von Mann und Frau, Strafgesetze, Erbregelungen u.v.a.m.), die jedoch erst in den Jahrzehnten nach Muhammads Tod unter Redaktion vermutlich mehrerer seiner Nachfolger (Kalifen) zu einem vollständigen Korantext mit 114 Suren zusammenstellt wurden, die in heutigen Koranausgaben nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten, sondern nach Länge ihrer einzelnen Kapitel in absteigender Reihenfolge angeordnet sind.

Bedeutung von Koran und Überlieferung

Der Koran ist aus muslimischer Sicht das in Verbalinspiration herabgesandte Gotteswort, das in Ewigkeit für alle Menschen Gültigkeit besitzt. Gleichermaßen göttliche Autorität hat die islamische Überlieferung (arab. hadith) in allen rechtlichen Fragen, also die Berichte, die nach Muhammads Tod von muslimischen Gelehrten zusammengetragen, gesichtet und nach Themen sortiert in sechs großen Sammlungen (den Hadith-Sammlungen) zusammengestellt wurden. Die Überlieferung enthält Einzelheiten zur islamischen Pflichtenlehre (der Befolgung der fünf Säulen des Islam: Bekenntnis, Gebet, Fasten, Almosen, Wallfahrt), zu den religiösen Feiertagen, zu Kleidungs-, Speise- und Verhaltensvorschriften, zu Strafen und Rechtsfragen (Erb- und Ehegesetze, Vermögensrecht, religiöse Stiftungen), zur Stellung der Frau u.a.m. Die Überlieferung schildert in jeweils kurzen Berichten und Anschauungsbeispielen, wie sich Muhammad und seine engsten Gefährten in bestimmten Fragen und Situationen verhielten und welche Entscheidungen sie trafen. Die von muslimischen Autoritäten der frühislamischen Zeit als echt anerkannten (d.h., auf Muhammad oder seine Gefährten zurückgehenden) und rechtliche Fragen betreffenden Überlieferungen sind eigentlich von allen Muslimen in allen Detailfragen ebenso zu befolgen wie der Koran und haben (zumindest ein gewisser, meist mündlich tradierter Fundus) zusammen mit Glaubenspraktiken des Volksislam häufig größeren Einfluß auf das tägliche Leben als der in seiner Gesamtheit auf Arabisch nur von einer Minderheit studierte und in all seinen Fachtermini verstandene Korantext selbst.

Die fünf Säulen des Islam

Muslime glauben an Allah, den einzigen Gott, den Ewigen, Allmächtigen und Barmherzigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde und an die abschließende Sendung des Propheten Muhammad. Gott ist nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Richter jedes Menschen. Im Jüngsten Gericht, wenn alle Menschen zu Gott „zurückgebracht“ (30,12) werden, wird jeder sich vor seinem Schöpfer und Erhalter verantworten müssen. Im Gericht wird er nach seinem Glauben und nach seinem Tun beurteilt werden, denn „glauben und das rechte tun“ nennt der Koran immer wieder als grundlegende Voraussetzungen für denjenigen, der ins Paradies eingehen möchte (2,25; 11,23; 13,29; 18,107; 22,56; 32,19; 34,37; 85,11 u.a.).

Zum „rechten Tun“ gehören in erster Linie die Fünf Säulen des Islam, deren Befolgung für jeden Muslim, Mann und Frau, ab der Pubertät verpflichtend ist:

  1. Das Rezitieren des Glaubensbekenntnisses (shahada): „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Prophet.“
  2. Das rituelle Gebet (salat) arabisch fünfmal am Tag in Richtung Mekka unter Einhaltung der vorgeschriebenen rituellen Waschungen, der Gebetstexte, der vorgeschriebenen Kleidung und Niederwerfungen (auf die Knie und bis zum Boden).
  3. Die Almosen (zakat), eine etwa zweiprozentige Abgabe zur Unterstützung Armer und Bedürftiger
  4. Das 30-tägige Fasten (saum) im Monat Ramadan als tägliche Enthaltung von Speisen, Getränken, Parfüm, Geschwätz, Zigaretten und Geschlechtsverkehr, solange tagsüber ein weißer von einem schwarzen Faden unterschieden werden kann (Sure 2,187). Der Fastenmonat schließt mit dem zweitägigen Fest des Fastenbrechens (id al-fitr) ab.
  5. Die Durchführung der Pilgerfahrt nach Mekka (hajj) einmal im Leben im Pilgermonat. Die ebenfalls detailliert vorgeschriebenen Riten der Pilgerfahrt enden mit dem Opferfest (id al-adha), das im Gedenken der Opferung des Sohnes Abrahams mit der Schlachtung eines Tieres und der Verteilung des Fleisches von Pilgern wie Zuhausegebliebenen gefeiert wird.

Allerdings bleibt auch bei der möglichst genauen Befolgung der fünf Säulen eine gewisse Unsicherheit, ob der einzelne Mensch das Wohlgefallen Gottes erlangt hat und am Ende seines Lebens ins Paradies eingehen darf. Da der Islam neben dem Glauben in gleicher Weise das Tun betont und nach Auffassung der muslimischen Theologie eine vorherige Festlegung Gottes auf die Errettung eines bestimmten Menschen eine unzulässige Begrenzung seiner Allmacht bedeuten würde, bleibt eine gewisse Unsicherheit über die Errettung am Jüngsten Tag, da niemand weiß, ob seine guten Taten vor Gott ausreichen werden, wenn sie – nach volksislamischer Auffassung – auf einer Waage gegen die schlechten Taten abgewogen werden. Die Zusage über Gottes Barmherzigkeit ist im Koran zwar in allgemeinen Termini, aber nicht als unverbrüchliche Zusage spezifisch für den einzelnen Sünder formuliert. Zudem steht neben Gott Barmherzigkeit, Gnade und Erbarmen gleichbedeutend seine unumschränkte Allmacht, die eine Festlegung auf eine bestimmte Entscheidung im Gericht unmöglich macht. Gott ist hinsichtlich seines Urteils über den einzelnen Menschen im Gericht völlig frei. Folglich ist seine Entscheidung in Bezug auf einen Menschen nicht vorhersagbar, denn dies würde bedeuten, Gottes Souveränität einzuschränken und ihm eine bestimmte Handlung vorzuschreiben. Der einzig gewisse Weg ins Paradies führt über den Märtyrertod im djihad, den kämpferischen Einsatz für Gott, denn demjenigen, der im Einsatz für seinen Glauben stirbt, sagt der Koran den unmittelbaren Zugang zum Paradies zu (s. z. B. 2,154; 47,4-6).