Türkische Armee bewertet die türkischen Medien

Institut für Islamfragen

Interne Armeebewertung der Medien nach Nutzen für die türkische Armee eingestuft

(Institut für Islamfragen, mk, 12.03.2007) Ahmet Sik vom türkischen „Nokta”-Magazin erhielt einen internen Bericht der Armee, der alle türkischen Medien je nach Häufigkeit von Lob oder Kritik gegenüber der Armee einteilt.

Die islamisch, extrem links bzw. kurdisch orientierten Tageszeitungen „Yeni Safak“, „Vakit“, „Zaman“, „Evrensel“, „Birgün“, „Özgür Gündem“ und der Fernsehsender „Kanal 7“ werden erst gar nicht in die Bewertung aufgenommen, da sie für die Armee sowieso „hoffnungslose“ Fälle sind. Da die Tageszeitungen „Tercüman“ und „Star“ durch Besitzerwechsel sich ständig verändern, werden sie von der Armee beobachtet, aber vorläufig als nicht positiv eingeschätzt.

In dem genannten Bericht werden die gegenwärtigen Tendenzen genau beschrieben, wie sich z. B. im Jahr 2006 die Entwicklung zum Vorjahr bemerkbar macht. So erhält die größte türkische Tageszeitung „Posta“ 65 Plus- und 22 Minuspunkte, das Flagschiff der türkischen Tageszeitungen, „Hürriyet“, erhält 195 Plus- und 46 Minuspunkte, die liberale „Milliyet“ 150 Plus- und 40 Minuspunkte, „Radikal“ 66 Plus- und 84 Minuspunkte, „Yeni Cag“ 206 Plus- und 27 Minuspunkte, die an Atatürk orientierte „Cumhuriyet“ 156 Plus- und 21 Minuspunkte, „Star“ 71 Plus- und 71 Minuspunkte. Einzelne Journalisten und Kolumnenschreiber werden genau bewertet und nach ihrer Stellung gegenüber der Armee eingestuft.

Dabei geht es nicht in erster Linie um Wahrheitstreue, sondern ob die Personen für oder gegen die Armee und ihre Aktionen Meinung machen und ob sie zukünftig Eingang in Einrichtungen der Armee erhalten sollen oder nicht. Von der liberalen „Posta“ werden drei Journalisten erwähnt, die unzufrieden seien mit den politischen Aktivitäten der Armee und militärischen Aktionen. Zwei namentlich genannte Journalisten der liberalen „Hürriyet“ seien gegen Militäraktionen. Die linksliberale „Milliyet“ habe vier Journalisten, die gegen politische Aktivitäten der Armee eingestellt seien. Die mittelinksorientierte „Radikal“ spricht vor allem Intellektuelle auch in Europa an. Hier seien besonders vier Mitarbeiter eifrige Kritiker der Armee. Die Tageszeitung „Gözcü“ schreibe so gut wie keine negativen Berichte über die Armee. Die Tageszeitung „Sabah“, die der zweitgrößten Mediengruppe angehört, habe ebenso vier Mitarbeiter, die gegen die Armee arbeiten und müsste von Zeit zu Zeit mit Briefen an die Redaktion ermahnt werden. Die Zeitung „Takvim“ verhalte sich neutral. Die „Aksam“ Zeitung habe vier positive Mitarbeiter und einen, der Unruhe gegen die Armee stifte. Die rechtsradikale Zeitung „Tercüman“ sei für die Armee gewesen, müsse aber wegen ständig neuer Journalisten genau beobachtet werden. Genauso sei die rechtsradikale „Ortadogu“, Sprachrohr der MHP-Partei und die extrem rechte „Yeni Cag“ sehr positiv für die Armee. Die liberale Zeitung „Vatan“ sei im Allgemeinen für die Armee. Weil die „Star“ Tageszeitung von Personen aufgekauft wurde, die dem Islamisten Fethullah Gülen nahe stünden und der Abgeordnete Ihsan Arslan stiller Teilhaber der AK-Regierungspartei sei, wurden linke und liberale Journalisten durch islamische orientierte ausgewechselt. Deshalb sei die Zeitung für die Armee nicht hilfreich und müsse genau beobachtet werden. Die religiöse „Türkiye“ bemühe sich, sehr vorsichtig mit Aussagen über die Armee zu sein. Die konservative „The New Anatolian“ habe vor allem gebildete Leser und stehe positiv zur Armee.

Presseagenturen wie die „Anadolu Ajans“ veröffentliche Nachrichten bis in die kleinsten Details, sei aber aufgefallen, weil sie Nachrichten, die gegen die regierende religiöse AK-Partei gerichtet seien, in letzter Zeit unterschlage. Die Nachrichtenagentur „Anka“ benützte manchmal statt Ausdrücken für „Terroristen“ lieber „Militante“ und „Guerilla“.

Bei den Fernsehsendern wird der meistgesehene Kanal „CNN-Türk“ postiv eingestuft. Ebenso verhalte es sich mit den ideologisch unbefangenen Sendern „Show TV“ und „atv“. „Kanal 1“ werde weiterhin beobachtet. „SKY Türk“”dagegen habe sich durch radikale Äußerungen als gefährlich gezeigt. „NTV“ sei objektiv, „CNBC“ werde von Gebildeten und Wohlhabenden gesehen und sei deshalb wichtig. Der Sender „Haber Türk“ habe zwei Journalisten, die negativ seien und „TGRT“ sei verkauft worden und müsse deshalb genau beobachtet werden. „Kanaltürk“ sein ein Problemfall für die Armee. Selbst die staatlichen Fernsehsender „TRT“, „KKTC“ und „BRT-K“ werden im Bericht eingestuft: Die Armee sei beunruhigt darüber, dass diese vermehrt islamische Programme ausstrahlten und frühere Mitarbeiter durch islamische orientierte ausgetauscht worden seien.

Quelle: www. habernokta.com/detay.php?id=1980; www.radikal.com.tr/

Kommentar: Seit Jahrzehnten ist in der Türkei die Rede vom „derin devlet“, dem eigentlichen Staat im Staat, der Armee. Seit die Türkei sich der EU anschließen will und dazu konkrete Schritte unternahm, kam die Armee durch die Fortschritte in Richtung Demokratisierung unter zunehmendem Druck. Ziel der EU ist es, dass die türkische Armee sich der zivilen Regierung unterordnet und zwar auch dann, wenn diese Regierung durch die stark islamisch orientierte AK-Partei gestellt wird. Die Armeeführung dagegen möchte unbedingt ihre Kontrolle behalten und versucht deshalb, auf die Medien Einfluss zu nehmen. Nur solange die Mehrheit der Öffentlichkeit die Armee gewähren lässt, kann sie ihren Kurs ohne Gewaltanwendung oder Putsch halten. Traurig ist, dass die laizistische Armee auch die Christen in der Türkei als Fremdkörper betrachtet und gegen sie Stellung bezieht. Durch die Installierung von Schlüsselpersonen (cete) in fast allen öffentlichen Einrichtungen versucht die Armee, den Behördenapparat in die Hand zu bekommen und damit die Regierung faktisch zu entmachten. Durch dieses Vorbild der Armee, eine subversive Interessengruppe aufzubauen, fühlen sich auch andere Gruppen ermutigt, die das für ihre Zwecke ebenso tun. Dadurch entsteht ein immer stärkerer Filz, der kaum mehr durchschaubar ist und sicher nicht dem Land zum Guten dient.