Was wir aus der jüngsten Radikalisierungs-Studie lernen

Das Monitoringsystem und die Transferplattform Radikalisierung (MOTRA) untersucht jährlich Einstellungen der „Menschen in Deutschland“. Jüngst veröffentlichte Ergebnisse zu islamistischen Tendenzen unter Muslimen haben in den Medien Aufsehen erregt. Der Islamwissenschaftler Carsten Polanz, wissenschaftlicher Referent am Institut für Islamfragen, hat die Ergebnisse im März 2026 für die Evangelische Nachrichtenagentur IDEA eingeordnet.

45,1 Prozent der jüngeren Muslimen unter 40 Jahren sind latent (33,6 Prozent) oder manifest islamismusaffin (11,5 Prozent) eingestellt. Diese Zahlen sind erschreckend hoch, aber sie kommen nicht überraschend. Es gab in den letzten Jahren bereits diverse Studien, die auf starke Sympathien für den Islamismus und eine hohe Empfänglichkeit für antisemitische Weltverschwörungstheorien hingewiesen haben. Allerdings ist der prozentuale Anteil seit dem furchtbaren Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 und dem verheerenden Krieg Israels im Gaza-Streifen gerade bei jüngeren Muslimen nochmal deutlich angestiegen. Hatten 2021 12,5 Prozent aller Muslime manifest antisemitische Tendenzen gezeigt, sind es 2025 27,2 Prozent.

Nährboden für Radikalisierung wächst

Gerade unter Jugendlichen wächst ein gefährlicher Nährboden für weitergehende Radikalisierungen. Nach einer 2024 veröffentlichten Umfrage des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen von 2022 sehen 51,5 Prozent der rund 300 befragten muslimischen Neuntklässler nur den Islam „in der Lage, die Probleme unserer Zeit zu lösen“. 45,8 Prozent halten einen islamischen Gottesstaat für „die beste Staatsform“. Deutlich weniger, aber immerhin noch 36,5 Prozent leiten daraus ab, dass die deutsche Gesellschaft „stärker nach islamischen Regeln gestaltet werden“ sollte. 35,3 Prozent signalisieren „Verständnis für Gewalt gegen Menschen, die Allah oder den Propheten Mohammed beleidigen“.

Islamismusproblem vor allem an Schulen schon lange bekannt

Probleme mit islamistischem Gedankengut werden vor allem im Bereich Schule wie unter einem Brennglas deutlich sichtbar. Der Deutsche Lehrerverband und der Verband Bildung und Erziehung weisen seit vielen Jahren darauf hin, dass es immer wieder in Klassenräumen und auf Schulhöfen zu religiös bedingten Konflikten kommt. Islamistisch gesinnte Schüler setzen hier Christen und andere Nicht-Muslime, aber vor allem andersdenkende Muslime mit liberalen oder säkularen Einstellungen stark unter Druck (u. a. beim Fasten oder Tragen des Kopftuchs). Teilweise kommt es zu Einschüchterungen und Bedrohungen.

Solche Jugendliche nehmen ihre Umwelt fast nur noch durch die Brille salafistischer Prediger aus den sozialen Medien wahr. In deren Narrativen sind Muslime stets nur die Opfer weltweiter Verschwörungen der Juden und des Westens, die angeblich den Islam auf militärischem und/oder kulturell-religiösem Wege zerstören wollen.

Einfache Feindbilder haben zunehmend leichtes Spiel

Gerade dort wo starke Überlegenheitsvorstellungen mit persönlich oder kollektiv empfundener Kränkung und einem Mangel an kritischer Selbstreflexion einhergehen, haben radikale Gruppen mit ihren einfachen Feindbildern (auch außerhalb des Islams) leichtes Spiel. Solche Gruppen nutzen emotionalisierte Darstellungen globaler Konflikte und Ungerechtigkeiten, um Aufmerksamkeit zu generieren. In der Folge mobilisieren sie ihre Zielgruppen für ihre Anliegen und indoktrinieren sie zunehmend im Sinne ihrer islamistischen Ideologie. Diese Dynamik wird eher noch zunehmen, wenn der Zusammenhalt und die Debattenkultur auch innerhalb der Gesamtgesellschaft weiter erodiert und die Empfänglichkeit für einfache und radikale „Antworten“ weiter zunimmt.

Keine Angst vor Islamismuskritik!

Es ist entscheidend, dass die dringend notwendige Islamismuskritik nicht länger aus Angst vor dem Vorwurf der Islamophobie oder des antimuslimischen Rassismus tabuisiert wird. Echte Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit müssen klar benannt und entschlossen bekämpft werden. Wer aus Hass oder Bitterkeit wild um sich schlägt und Muslime (Sunniten, Schiiten, Aleviten, Sufis, Säkulare etc.) in Deutschland stets nur als monolithischen Block wahrnimmt, wird der vielschichtigen Lebenswirklichkeit nicht gerecht. Ja, er liefert gerade radikalen Muslimen willkommenes Material zur Untermauerung ihrer Feindbilder. Wer aber auf der anderen Seite kritische Anfragen an den scharia-rechtlichen und ideologischen Nährboden für islamistische Radikalisierung aus falsch verstandener Toleranz nicht öffentlich diskutieren will, verstärkt das Problem, das er vorgibt zu bekämpfen.

Lehrer besser unterstützen

Vor allem Lehrpersonal an den Schulen muss unterstützt und befähigt werden, islamische Radikalisierung frühzeitig zu erkennen und entschlossen klare Grenzen zu ziehen. Das gilt vor allem da, wo religiöse Konformität durch Mobbing, Einschüchterung und Drohungen erzwungen wird. Zu viele Lehrer sind überfordert, zeigen sich ahnungslos im Blick auf den Islam und oft auch sprachlos in generellen Fragen des Glaubens. Nicht wenige, die mutig intervenieren wollen, fühlen sich allein gelassen oder gar selbst an den Pranger gestellt.

Auch die islam-theologischen Zentren müssen zukünftige Lehrkräfte für den Islamischen Religionsunterricht konkreter auf den praktischen Umgang mit radikalen Einstellungen und Verhaltensweisen vorbereiten. Dafür braucht es noch mehr selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition – gerade dort, wo sie jener Ungleichbehandlung von Muslimen und Nicht-Muslimen, Männern und Frauen Vorschub leistet, die Islamisten dann oft nochmal weiter zuspitzen.

Staat muss genau hinschauen

Der Staat sollte genau hinschauen, welche Verbände und zivilgesellschaftlichen Projekte er mit Steuergeldern unterstützt. Es gilt zu prüfen, ob sich deren Träger nur gegen einen offen militanten oder auch einen legalistischen Islamismus positionieren, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung (u.a. Freiheit zur Religionskritik und zum Religionswechsel) langfristig infrage stellen will (z. B. durch bewusste Ausblendung zentraler Konfliktfelder).

Respektvoller Austausch auf Augenhöhe

Was die gesellschaftlichen Diskurse betrifft, sollten Verantwortungsträger in Zeiten der Säkularisierung zugleich darauf achten, praktizierte Religion nicht generell unter Fundamentalismus-Verdacht zu stellen. Auch sollte christlich oder muslimisch begründete Kritik am vermeintlichen oder tatsächlichen gesellschaftlichen Mainstream (z. B. in ethischen Fragen) nicht vorschnell und pauschal als gefährlicher Fundamentalismus diskreditiert werden. Entscheidend ist der sachlich-respektvolle Austausch auf Augenhöhe und die konsequente Unterscheidung zwischen religiösen Wahrheits- und politischen Machtansprüchen. Auch die uneingeschränkte Absage an Gewalt und Zwang als Mittel der weltanschaulichen Auseinandersetzung auf allen Beziehungsebenen ist unabdingbar.

Christen sollten solche Studien auch zum Anlass nehmen, verstärkt für politische und gesellschaftliche Verantwortungsträger zu beten – gerade auch für die, die sich tagtäglich in unseren Schulen den Herausforderungen der Radikalisierung stellen.

Quellenhinweis: Erstveröffentlichung am 18. März 2026 unter www.idea.de/artikel/was-wir-aus-der-juengsten-radikalisierungs-studie-lernen. Geringfügig überarbeitete Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Idea-Redaktion.

Permalink